#9 Zuggespräche (eine zweite Kurzgeschichte)

#9 ZUGGESPRÄCHE

Sie räkelt sich auf Ihrem Sitz, schaut abwechselnd auf Ihr Handy oder mich an. Zu gerne würde ich wissen, was Ihre Geschichte ist...

Ich bin auf dem Weg zum Flughafen, müde,  erschöpft und gleichzeitig aufgeladen. Drei Tage Seminar liegen hinter mir. Vor fünf Minuten ist Sie zugestiegen. Der Zug ist sehr voll und Sie hat mich gefragt ob der Sitzplatz gegenüber noch frei ist. War er. Meine Tasche braucht natürlich keinen eigenen Sitzplatz. Und nun sitzt Sie mir direkt gegenüber.

Und ich betrachte Sie mit innerlicher Neugier. Eine Neugier, die mir selber komisch und merkwürdig vorkommt. Will ja auch nicht gaffen oder merkwürdig sein. Aber Sie hat auch zwei, vielleicht drei mal rüber geschaut. Definitiv hat Sie auf meinen Unterarm geschaut. Dort habe ich seit neuestem ein Tattoo.

Ich kämpfe innerlich mit mir. Bin kein Meister des Small-Talks, bzw. halte mich für Keinen, geschweige denn für einen Charmeur, der mit fremden Frauen ins Gespräch kommt, egal mit oder ohne Hintergedanken. Eigentlich komme ich generell nie mit fremden Menschen in Kontakt, egal welches Geschlechtes und egal mit welchen Hintergedanken. Wahrscheinlich eine selbsterfüllende Prophezeiung eines nie überprüften Glaubenssatzes.

Vielleicht stimmt der Glaubenssatz ja gar nicht?

Plötzlich platzt es aus mir heraus: “Fährst du auch zum Flughafen?”

Alter, was war das denn für eine Scheiß Anmache, schießt es mir als nächstes durch den Kopf. Und warum eigentlich DU? Ich, die vierzig überschritten spricht fremde Frauen in Ihren Zwanzigern plötzlich mit DU an? Du musst den Verstand verloren haben, rotiert es weiter bei mir im Kopf.

“Ja, genau, ich steige am Flughafen aus. Du auch?”

Ich bejahe, verdutzt.

Der Tonfall Ihrer Stimme verwundert mich. Er klingt überhaupt nicht genervt, oder mit dem Ziel mich abzuwimmeln. Eher freundlich. Einladend. Als ob Sie etwas über sich erzählen möchte.

“Sorry, dass ich so oft auf mein Handy schaue, ich bin da noch eine Sache am klären, weswegen ich zum Flughafen fahre.”, erklärt Sie mir fast entschuldigend.

Als ob Sie mir Rechenschaft schuldig wäre. Ich schiebe schnell hinterher, dass das ja wohl kein Problem sei, und wie selbstverständlich füge ich hinzu, dass das aber eine interessante Überleitung sei, die mich ziemlich neugierig macht.

Sie blickt hoch und lächelt mich an. Zum ersten mal sehe ich Ihr direkt ins Gesicht. Abgesehen davon, dass sie definitiv äußerliche Schönheit besitzt. Strahlt Sie wahnsinnig von Innen. Das Strahlen von jemanden, der mit sich im Reinen ist, voller Selbstbewusstsein. Natürliche Schönheit, die auch ohne Äußerlichkeiten funktioniert.

Sie antwortet weiter mit angenehmer Stimme: “Ja stimmt, ich bin auch neugierig was passiert. Ich bin gerade erst vom Flughafen von der Arbeit zu Hause gewesen. Und jetzt sitze ich schon wieder hier auf dem Weg zurück zum Flughafen. Ich bin etwas gestresst, weil ich am Flughafen nicht viel Zeit haben werde. Ich fliege für eine Nacht nach London.”  

Plötzlich bin ich hellwach. Mein Kopfkino ist angesprungen. Kein Gedanke mehr an Schüchternheit, oder die Hemmungen der Vergangenheit. Ermutigt durch das freundliche Wesen mir gegenüber und dem Bedürfnis meine Neugierde zu befriedigen, will ich herauszufinden, was diese Frau für eine Nacht in London macht.

Plötzlich werde ich taktisch. Wie ein Schachspiel, die Eröffnung ist gemacht. Welcher Zug ist am klügsten. Will ja auch nicht nach 2 Fragen Schachmatt sein. Und gleichzeitig denke ich, ob ich das nicht alles zu kompliziert handhabe. Typisch Kopfmensch eben. Analysiert selbst ein simples Gespräch im Zug. Ich beruhige mich selber mit der Argumentation, dass es nicht simpel ist. Und Small-Talk ist es scheinbar auch nicht.

“Das klingt aber spannend, für eine Nacht nach London. Arbeitest du für Swiss und fliegst?”, frage ich weiter. Ich hatte schon davon gehört, dass Flugbegleiterinnen in Zivil an einen anderen Flughafen geflogen werden, um dann von dort auf Langstrecke zu gehen.

Sie bejaht beides und ich füge flüssig der Reihe von Fragen eine Weitere hinzu. Nur eben nicht die, die ich im Kopf hatte, sonder eine etwas indiskretere: “Wenn eine Frau für eine Nacht nach London fliegt, ist bestimmt ein Mann im Spiel, oder?”

Jetzt schaut Sie mich etwas genauer an. Bin ich zu weit gegangen? Ich habe den Eindruck, Ihr Lächeln ist für eine Millisekunde erstarrt. Als ob Sie kurz überlegen muss, was Sie antworten soll, oder will. Und dann ist es wieder da, dieses Lächeln, dass den ganzen Zug füllen könnte. Und Sie erzählt mir Ihre Geschichte etwas ausführlicher:

Sie arbeitet tatsächlich als Flugbegleiterin. Und Sie hat zuhause einen Anruf bekommen, dass Ihr Freund in London außerplanmäßig eine Nacht Aufenthalt hat. Ihr Freund ist “natürlich” Pilot. Soviel Klischee muss sein. Er arbeitet für eine australische Fluglinie. Kennengelernt haben die beiden sich in San Francisco. Das ist definitiv keine 08/15 Kennenlern-Geschichte, die man später seinen Kindern erzählt, denke ich. Was Sie noch klären muss, erzählt sie mir auch: Welches Hotelzimmer Ihr Freund hat, denn der Besuch soll eine Überraschung sein.

Als begeisterter Cineast fallen mir natürlich sofort einige Verwicklungen ein. Ich werde immer mutiger und konfrontiere Sie mit einem meiner Drehbuch-Überlegungen. Nicht, dass ich es Ihr wünschen würde und trotzdem frage ich also: “Hast du keine Angst, dass wenn du vor der Hoteltür stehst, eine andere Frau öffnen könnte?”

Sie antwortet sehr ruhig und selbstbewusst: “Nein davor habe ich keine Angst, und wenn es tatsächlich passiert, dann weiß ich wenigstens woran ich bin.”

Und ich spüre, dass Sie die Antwort wirklich ehrlich meint. Es passt Einfach zu Ihrer Erscheinung und Ausstrahlung. Ich Zweifel keine Sekunde, dass diese Frau die Fähigkeit hat im Falle meines gesponnen Drehbuchs das Ereignis in etwas Positives umzudeuten. Ich sage Ihr, dass ich das eine sehr erstaunliche und reife Haltung finde und sie antwortet mit einer entwaffnenden Selbstverständlichkeit:

“Was bleibt einem anderes übrig, als immer nach dem Positiven zu suchen?”

Ich denke: Wo Sie Recht hat, hat Sie Recht.

Als wir am Flughafen ankommen, tauschen wir noch schnell unsere Nummern aus, so dass ich später erfahren werde, dass Sie Ihren Flieger bekommen hat und auf dem Weg nach London ist.

Seitdem habe ich nichts mehr von Ihr gehört. Aber wenn ich jemals nach Australien mit einer australischen Airline fliege, achte ich darauf, ob der Pilot einen kleinen grünen Yoda an die Cockpit-Scheibe geklebt hat. Und dann weiß ich, dass die Macht mit uns ist, und denke zurück an diese eine Zugfahrt....

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